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Multi-Model-Workflows

Warum zwei KIs mehr fangen als eine. Drafter und Reviewer als wiederkehrendes Muster in der Patentpraxis.

Kernbotschaft: Jedes Modell hat blinde Flecken. Zwei Modelle mit unterschiedlicher Architektur oder Trainingsdaten decken verschiedene Fehler ab. Wer den Drafter-Entwurf durch ein zweites, unabhängiges Modell prüfen lässt, fängt systematisch Schwachstellen, die ein einzelnes Modell überliest.

Was ist ein Multi-Model-Workflow?

Statt den gesamten Arbeitsablauf mit einem Modell zu bewältigen, teilt der Multi-Model-Workflow die Aufgabe in Rollen auf und weist jede Rolle einem anderen Modell zu. Der Klassiker: ein Modell draftet einen Anspruch, ein zweites Modell prüft den Entwurf gegen den Stand der Technik. Typische Varianten sind Analyse plus laientaugliche Kommunikation, lange Akte plus Kurzfassung, oder Formulierung plus Gegenposition.

Der entscheidende Unterschied zum „einmal draften, einmal vom selben Modell prüfen lassen" liegt in der Modellvielfalt. Ein Modell findet seine eigenen Fehler schlecht, weil dieselben Trainingsdaten Schwachstellen an denselben Stellen erzeugen. Ein fremdes Modell bringt andere Trainingsdaten und damit andere Blickwinkel mit.

Warum das funktioniert

  • Unterschiedliche blinde Flecken. Modelle von verschiedenen Anbietern haben unterschiedliche Trainingsdaten, unterschiedliche Feinabstimmung und unterschiedliche Sicherheitsfilter. Ein juristisches Detail, das Claude übersieht, fällt GPT auf, und umgekehrt.
  • Keine KI-Schmeichelei (Sycophancy-Bias). Wenn ein Modell seinen eigenen Entwurf prüft, neigt es dazu, zu bestätigen statt zu widerlegen. Ein fremdes Modell hat diesen Reflex nicht: es sieht den Entwurf zum ersten Mal und hat keinen Anreiz, ihn zu verteidigen.
  • Kontextfreiheit im Review. Der Reviewer-Chat kennt nur den Entwurf und den Maßstab, gegen den geprüft wird. Er weiß nicht, was der Drafter „eigentlich sagen wollte". Das deckt Fälle auf, in denen der Drafter einen Gedanken angenommen hat, der im Text gar nicht steht.
  • Trennung der Arbeitsschritte. Drafter und Reviewer dürfen verschiedene Systemprompts, verschiedene Fachperspektiven und verschiedene Qualitätskriterien haben. Diese Trennung ist in einem einzigen Chat schwerer durchzuhalten.

Patent-spezifische Muster

Drafter-Rolle Reviewer-Rolle Was der Reviewer prüft
Bescheidserwiderung entwerfen Gegen D1/D2 prüfen Wurde jedes Prior-Art-Merkmal angesprochen? Hält die Unterscheidungsmerkmal-Argumentation?
Anspruchsänderung entwerfen Art. 123(2)-Basis prüfen Ist die Basis in der Anmeldung wie eingereicht wörtlich belegt? Oder nur implizit?
Patentbeschreibung draften Fach-Plausibilität prüfen Deckt die Beschreibung die Ansprüche? Fehlen Ausführungsformen? Widerspricht etwas dem Stand der Technik?
Schutzbereichsgutachten Gegenposition einnehmen Welche Gegenargumente zur Verletzung oder Äquivalenz sind die stärksten?
Juristische Analyse Laientauglichkeit prüfen Versteht die Mandanten-Geschäftsleitung das, ohne den Jargon zu kennen?
FTO-Risikobericht Kalibrierung prüfen Sind die Risikostufen (niedrig/mittel/hoch) vergleichbar über die Treffer? Oder schwankt der Maßstab?

Wie man es umsetzt

Manuell (Stufe 1)

  1. Drafter: einen Chat mit Modell A (z.B. Claude) öffnen, Drafter-Aufgabe stellen, Entwurf erhalten.
  2. Entwurf aus dem Drafter-Chat herauskopieren.
  3. Reviewer: einen NEUEN Chat mit Modell B (z.B. GPT) öffnen. Entwurf plus Prüfkriterien einfügen, aber NICHT den Kontext des Drafters.
  4. Reviewer-Feedback zurück zum Drafter bringen, zweite Runde.

Wichtig: der Reviewer-Chat muss leer starten. Siehe den Artikel Context Engineering, die Disziplin ist hier entscheidend.

Agent-basiert (Stufe 2)

Claude Code und OpenCode unterstützen sogenannte Subagenten. Ein Elternagent delegiert die Review an einen Subagenten, der gegen ein anderes Modell-Backend läuft. Für Claude-Code-Nutzer gibt es ein OpenAI-Codex-Plugin, das den Review durch ein fremdes Modell erledigt. OpenCode kann beliebige Backends kombinieren (z.B. ein lokales Gemma 4 27B als Drafter und ein lokales Qwen 3 32B als Reviewer).

Vorteil: der Kontext-Split passiert automatisch, der Reviewer startet mit sauberer Session, die Ergebnisse werden strukturiert zurückgegeben.

Vertraulichkeits-Implikationen

Zwei Modelle heißt zwei Datenflüsse. Wenn die Aufgabe vertraulich ist (nicht veröffentlichte Erfindung, interne Mandantendokumente), müssen die berufsrechtlichen Verschwiegenheitsanforderungen für BEIDE Modelle erfüllt sein.* Ein Cloud-Review einer vertraulichen Drafter-Ausgabe über eine nicht abgesicherte API ist derselbe Verstoß wie eine Cloud-Verarbeitung der Ursprungsdaten.

  • Veröffentlichte Arbeit (Prosecution, Opposition, FTO mit publizierten Treffern): Cloud + Cloud möglich. Claude als Drafter, GPT als Reviewer. Maximale Modellvielfalt.
  • Vertrauliche Arbeit (Drafting, Erfindungsmeldung): Beide Modelle müssen die Verschwiegenheitsanforderungen erfüllen, z.B. lokal im selben Ollama- oder LM-Studio-Setup (Gemma 4 27B als Drafter, Qwen 3 32B als Reviewer) oder über eine vertrauenswürdige Cloud-Instanz.
  • Gemischt (FTO mit vertraulicher Produktbeschreibung + publizierten Treffern): Der vertrauliche Teil bleibt lokal, der veröffentlichte Teil darf Cloud. Nicht durch den falschen Split mischen.

Wann sich der Aufwand nicht lohnt

Multi-Model-Workflows kosten Zeit und (bei Cloud-Modellen) API-Budget. Für Routine-Aufgaben mit geringem Risiko reicht oft ein einzelnes Modell plus Self-Reflexion. Der Zusatzaufwand lohnt sich vor allem, wenn:

  • die Aufgabe einen Fehler teuer macht (Bescheidserwiderung kurz vor Zurückweisung, Patent-Anspruch vor Erteilung, FTO-Freigabe vor Produkt-Launch),
  • die Aufgabe Belegpflicht hat und jede Fundstelle nochmal unabhängig geprüft werden muss,
  • der Drafter-Output in eine andere Zielgruppe übersetzt werden muss (juristisch → Mandant),
  • die Gegenposition strukturell gesucht wird (Advocatus Diaboli vor einer mündlichen Verhandlung).

Verbindung zu den anderen Säulen

Multi-Model-Workflows verstärken die vier Säulen für Prompt Engineering in der Patentpraxis, ersetzen sie aber nicht:

  • Context Engineering: Der Reviewer-Chat muss sauber starten. Ohne Kontextdisziplin zerfällt der Vorteil der zweiten Meinung.
  • Belegpflicht: Der Reviewer prüft die Belege des Drafters gegen die Quelle. Jedes Zitat, das der Drafter liefert, muss der Reviewer verifizieren können.
  • Absatz-für-Absatz-Durchsuchung: Der Reviewer kann das parallel machen: während der Drafter den Entwurf liefert, prüft der Reviewer die Quellen, die der Drafter nicht zitiert hat.
  • Self-Reflexion + Advocatus Diaboli: Statt reiner Selbstprüfung liefert Multi-Model eine echte Zweitmeinung.

* Für die Verarbeitung vertraulicher Inhalte gelten u.a. die berufsrechtlichen Verschwiegenheitsanforderungen. Diese können durch ein lokal laufendes Modell oder, im Einzelfall, durch eine vertrauenswürdige oder selbst betriebene Cloud-Instanz erfüllt werden. Dies ist keine Rechtsberatung.

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