GenAI & IP Newsletter · Ausgabe 18
Ein Spaziergang durch Anthropics neues Legal Plugin
Zwölf Arbeitsabläufe, eine automatische Fristüberwachung, fünf Datenquellen-Anbindungen. Da lohnt sich ein Spaziergang durch Anthropics neues IP-Plugin. Wo die Architektur lehrreich ist, wo der US-Inhalt an der EPÜ-Grenze endet, und was das für die eigene Praxis bedeutet.
Ein Spaziergang durch Anthropics neues Legal Plugin
Am 12. Mai hat Anthropic Claude for Legal veröffentlicht. Zwölf Practice-Area-Plugins, neunzehn Connectoren, ein Deployment-Guide für Rechtsabteilungen und ein öffentliches Webinar. Allein das IP-Plugin enthält zwölf Skills (strukturierte Arbeitsabläufe), einen Scheduled Agent (automatische Fristüberwachung) und fünf MCP-Server (Schnittstellen zu Patentdatenbanken). Was viele nicht wissen: Es handelt sich hierbei nicht um eine eigenständige Legal-Tech-Software, sondern im Kern um eine Prompt-Bibliothek. Und sie liegt öffentlich auf GitHub unter Apache 2.0. (Repository-Link). Es spricht also nichts dagegen, sich das mal genauer anzusehen, und für das eigene Prompt Engineering zu lernen.
Ich habe mehrere Tage damit verbracht, das IP-Plugin Datei für Datei zu lesen. Die vollständige Analyse mit allen zwölf Skills und den acht Designmustern steht im neuen Wissens-Artikel. Hier will ich einen kurzen Spaziergang durch die Stellen machen, die mir hängengeblieben sind.
Der FTO-Skill beginnt mit einem Warnhinweis
Das Erste, was der FTO-Triage-Skill tut, ist einen Warnhinweis in Großbuchstaben und Fettdruck setzen:
This is not a freedom-to-operate opinion. A formal FTO opinion requires a comprehensive search, full claim construction, and element-by-element infringement analysis by registered patent counsel. Patent infringement is strict liability; willful infringement triples damages. A “no obvious blocking patents” result means the triage didn’t find one — it does not mean the product is clear. —
ip-legal/skills/fto-triage/SKILL.md
Dies soll uns daran erinnern, was Sprachmodelle leisten können (fehlerbehaftete Erstprüfung), und was ein Patentanwalt leistet (Gutachten).
Was danach kommt, ist ebenso aufschlussreich. Die Kalibrierungsregel des Skills:
Under-flagging a blocking patent is a one-way door — a product launched, a deposition a year later, treble damages on the table. Over-flagging is a two-way door — the attorney narrows the list in a read-through. Stay on the two-way door side. Always. —
ip-legal/skills/fto-triage/SKILL.md
Also eine Regel, deren Relevanz jeder Patentpraktiker bestätigen kann. Wären da nur keine Halluzinationen…
Ein Disclaimer für den EU-Einsatz
Für den Einsatz außerhalb der USA wichtig: Alle zwölf Plugins tragen dieselbe jurisdiktionelle Leitplanke in ihrer CLAUDE.md:
„Applying US doctrine here would give you a wrong answer that looks right.”
Was wir für unser eigenes Prompting lernen können
Die interessantesten Stellen im Plugin sind nicht die Disclaimer, sondern die Regeln gegen typische KI-Schwächen. Drei davon lassen sich direkt in die eigene Prompt-Praxis übernehmen:
1. Quellen kennzeichnen, nicht erfinden. Das Plugin verlangt, dass jede Aussage einen Herkunfts-Tag trägt. Die Kernregel:
„Source tags are derived from what you actually did, not what you’d like to claim. [model knowledge — verify] — everything else. This is the default. If you didn’t retrieve it, it’s model knowledge, no matter how confident you are.” —
ip-legal/CLAUDE.md
2. Zweifel benennen, statt zu schweigen. Wenn das Modell eine Fundstelle kennt, aber Zweifel an ihrer Gültigkeit hat, darf es nicht einfach schweigen:
„Silence about known doubt is as misleading as confident assertion.” —
ip-legal/CLAUDE.md
3. Prämissen des Nutzers prüfen, bevor darauf aufgebaut wird. Sprachmodelle neigen dazu, jede Nutzer-Aussage als korrekt zu übernehmen. Das Plugin fordert das Gegenteil:
„Verify user-stated legal facts before building on them. A wrong premise propagated through three paragraphs of analysis is harder to catch than a wrong premise flagged at sentence one.” —
ip-legal/CLAUDE.md
Das Redline-Prinzip
Noch eine Station auf dem Spaziergang. Der ip-clause-review-Skill zu Änderungen in Verträgen:
Edit at the smallest possible granularity. A redline is a negotiation artifact, not a rewrite. Wholesale clause replacement signals “we threw out your drafting.” Surgical redlines — strike a word, insert a phrase, restructure a subclause — signal “we have specific asks” and are faster to read, understand, and accept. —
ip-legal/skills/ip-clause-review/SKILL.md
KI-generierte Vertragssprache neigt dazu, umzuschreiben statt zu editieren. Das Plugin drückt dagegen.
Was das für die eigene Praxis bedeutet
Zwei Dinge. Erstens: Die Architektur lohnt sich auch ohne Installation. Herkunftsmarkierungen für jede Aussage, die Drei-Wege-Regel gegen stilles Ergänzen, die Risiko-Untergrenze über Skills hinweg, der Entscheidungsbaum am Ende. Diese Muster sind jurisdiktionsunabhängig. Sie adressieren dieselben Probleme, die wir in diesem Newsletter regelmäßig besprechen. Sie sind bereits in die Prompt-Tools dieser Seite eingeflossen (FTO, Einspruch, Schutzbereich, Bescheidserwiderung tragen diese Disziplinen jetzt). Der Wissens-Artikel hat die vollständige Liste mit aufklappbaren Originalzitaten.
Zweitens: Die Lücke, die das Plugin offen lässt, ist die DE/EP-Antwort. Anspruchsformulierung (Claim Drafting) ist explizit ausgeschlossen: „Not claim drafting — this plugin doesn’t go there.” (ip-legal/skills/cold-start-interview/SKILL.md) Also eine Anwendung, in der Sprachmodelle erfahrungsgemäß keine ausreichenden Ergebnisse bringen.
Zur Vertraulichkeit
Claude for Legal läuft in der Anthropic-Cloud. Eine lokale Installation der Plugin-Datei ändert daran nichts; das Modell sieht jede Eingabe. Für echte Mandantendaten braucht es entweder eine Cloud-Instanz, die den einschlägigen berufsrechtlichen Anforderungen genügt, oder das Plugin gegen ein lokal laufendes Sprachmodell (was Claude Code unterstützt, mit den üblichen Performance-Kompromissen).*
Lest die Quelldateien und nehmt die Architektur als Vorbild für eure eigene Prompt-Bibliothek.
Ressourcen
- Das Anthropic IP-Plugin · Wissens-Artikel (DE/EN)
claude-for-legalauf GitHub (Apache 2.0)- LTO: Das ist keine ‘Revolution’
* Für die Verarbeitung vertraulicher Inhalte gelten u.a. die berufsrechtlichen Verschwiegenheitsanforderungen. Diese können durch ein lokal laufendes Modell oder, im Einzelfall, durch eine vertrauenswürdige oder selbst betriebene Cloud-Instanz erfüllt werden. Dies ist keine Rechtsberatung.
Viel Spaß beim Erkunden!
Sebastian Goebel, Gründungspartner, Bösherz Goebel