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Das Anthropic IP-Plugin: Open-Source-Blaupause für IP-Arbeit in DE/EP-Praxis

Anthropic hat im Mai 2026 mit claude-for-legal/ip-legal ein quelloffenes Plugin für IP-Arbeit veröffentlicht. Zwölf Arbeitsabläufe, eine automatische Fristüberwachung, fünf Datenquellen-Anbindungen. Da lohnt sich ein Spaziergang durch Anthropics neues IP-Plugin.

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2026

Kernerkenntnis: Das Plugin zeigt, wie ein KI-Workflow für IP-Praxis aussehen kann, wenn Belegpflicht und menschliche Prüfung ins System eingebaut sind statt dem Anwender überlassen. Übertragbar sind die Designmuster (siehe unten), die einzelnen Arbeitsabläufe („Skills") nicht. Die Rechtsinhalte sind US-zentrisch; die Plugin-eigene CLAUDE.md rät EU-Nutzern vom unveränderten Übernehmen ab. Anspruchsformulierung (Claim Drafting) ist explizit ausgeschlossen. Das Plugin ist Open Source (GitHub) und als Referenz-Implementierung gedacht, nicht als Endprodukt.

Was das Plugin tut

Das Plugin enthält zwölf Skills (strukturierte Arbeitsabläufe), einen Scheduled Agent (eine automatisch zeitgesteuert laufende Überwachung) und fünf MCP-Server (Schnittstellen zu externen Datenquellen wie Patentdatenbanken). Die Skills sind keine Einmal-Prompts, sondern mehrschrittige Konversationen mit eigenen Rückfrage-Punkten. Der erste Skill (cold-start-interview) baut einmalig ein Praxis-Profil auf, das alle anderen Skills als Vorwissen lesen: Jurisdiktion, Durchsetzungsstrategie, Freigabe-Regeln, Standardvorlagen, Portfolio.

Alle zwölf Skills im Überblick
Skill Funktion DE/EP-Relevanz
cold-start-interview10- bis 15-min-Interview, schreibt das Praxis-ProfilHoch: Onboarding-Logik ist sprach-agnostisch
cease-desistAbmahnungen draften oder eingehende C&D triagierenMittel: Struktur ja, US-Drohkulissen (Declaratory Judgment) nein
takedownDMCA §512-Notices und Counter-NoticesNiedrig: DSA Art. 16 ist die EU-Entsprechung, eigene Logik
clearanceMarken-Knock-out und VerwechslungsanalyseMittel: Struktur ja, Polaroid/DuPont nein, dafür EuGH-Linie Canon/Sabel/Lloyd
fto-triageFreedom-to-Operate als strukturierte SichtungHoch: Plugin erkennt DE-spezifische Besonderheiten (Schneidmesser/Kunststoffrohrteil, Trennungsprinzip)
invention-intakeErfindungsmeldung sichten, PURSUE/INVESTIGATE/DECLINENiedrig: § 102(b) US-Grace-Period bricht EP-Neuheit (Art. 54)
infringement-triageVerletzungsvorwurf vier-modal triagierenMittel: Mode-Router-Idee transportabel
ip-clause-reviewIP-Klauseln in Verträgen mit Severity 🔴/🟠/🟡/🟢Hoch: Redline-Granularität, AI-Authorship-Modul (DABUS)
oss-reviewOpen-Source-Lizenz-Compliance, deployment-firstHoch: fast jurisdiktions-neutral; BUSL/SSPL/Elastic-Block ist Lücke im deutschen Material
portfolioRegister und Frist-Tracking, fünf Modi (init/report/add/update/audit)Mittel: EUIPO ja, DPMA-Annuitäten und EPA-Jahresgebühren fehlen
matter-workspaceMandate isolieren, Cross-Matter-Kontext per Default ausHoch: direkte Entsprechung zur BORA-Verschwiegenheitspflicht
customizePraxis-Profil ändern, ohne YAML zu editierenHoch: UX-Muster für jedes Config-UI

Acht übertragbare Designmuster

Die folgenden Muster lassen sich aus dem Plugin extrahieren und auf die eigene Praxis übertragen, ohne US-Recht zu übernehmen.

  1. Praxis-Profil als Freitext. Das Plugin speichert die Kanzlei-Konfiguration nicht in einem technischen Format, sondern als lesbaren Fließtext: Jurisdiktion, Durchsetzungsstrategie, Freigabe-Regeln, Portfolio. Anwender können das Profil direkt editieren, Claude liest es als Kontext. Für eine Kanzlei im DE/EP-Raum: DPMA/EPA/EUIPO-Schwerpunkte, bevorzugte Anspruchsformulierungen.
  2. Herkunftsmarkierung für jede Aussage. Jede faktische Aussage trägt einen Tag, der ihre Quelle kennzeichnet: [verify] (Tatsache, noch zu prüfen), [review] (juristisches Urteil), [model knowledge — verify] (Default für nicht-quellenbasierte Aussagen), [settled — last confirmed YYYY-MM-DD], plus Tool-spezifische Tags nur dann, wenn das Zitat literal in dem Tool in dieser Session vorkam. Aus EPÜ-Perspektive: [Juris], [Beck Online], [Dejure], [DPMAregister], [EPA-Register], [CURIA]. Die Prompt-Bibliothek dieser App hat diese Disziplin übernommen; die Tools FTO, Einspruch, Schutzbereich tragen sie mit.
    Wörtlich aus der Plugin-CLAUDE.md

    „Do not promote a tag to a more trustworthy tier because the citation 'seems right.' The tag describes provenance, not confidence."

    „[model knowledge — verify] — everything else. This is the default. If you didn't retrieve it, it's model knowledge, no matter how confident you are."

  3. Kein stilles Ergänzen (No-silent-supplement). Wenn das Modell zu einer Fundstelle Zweifel hat (z.B. laufendes Rechtsmittel, teilweise aufgehoben), wählt es eine von drei Optionen: (a) ergänzen und kennzeichnen, (b) den Zweifel benennen, aber nicht für die Argumentation nutzen, (c) stoppen und fragen. Option (b) benennt den Zweifel, ohne ihn für die Argumentation zu nutzen.
    Wörtlich aus der Plugin-CLAUDE.md

    „Flag-but-don't-use. If you are aware of information that would change whether a rule applies or is in force — pending litigation, rescission proposals, effective-date delays, superseding amendments, enforcement moratoria — surface it as a flagged caveat tagged [model knowledge — verify] even though you must not use it to change your analysis."

    „Silence about known doubt is as misleading as confident assertion."

  4. Entscheidungsbaum am Ende jedes Skills. Das Modell schließt nicht mit einer Empfehlung, sondern legt fünf Optionen vor (Entwurf erstellen, Eskalieren, Mehr Fakten sammeln, Abwarten, Anderes). Der Anwender entscheidet.
  5. Risiko-Untergrenze über Skills hinweg (Severity-Floor). Ein als 🔴 markiertes Risiko kann in einem späteren Arbeitsschritt nicht stillschweigend als „akzeptabel" auftauchen. Herabstufung nur mit ausdrücklicher Begründung. Das verhindert, dass das Modell sein eigenes früheres Urteil vergisst.
    Wörtlich aus der Plugin-CLAUDE.md

    „A 🔴 finding upstream cannot become 'advisable' downstream without the downstream skill stating: 'Upstream rated this [X]. I'm lowering it to [Y] because [reason].' Silent demotion is a contradiction a reviewing lawyer cannot see."

  6. Prüfhinweis über jedem Ergebnis. Jedes Arbeitsergebnis beginnt mit einem Block, der auf einen Blick zeigt: welche Quellen genutzt wurden, was vollständig gelesen wurde, wo das Modell unsicher ist, und was der prüfende Anwalt als erstes kontrollieren sollte.
  7. Änderungen so klein wie möglich (Redline-Granularität). Bei Vertragsänderungen: einzelnes Wort vor Phrase vor Satz vor ganzer Klausel. Eine KI neigt dazu, ganze Klauseln umzuschreiben; das Plugin wirkt dem entgegen.
    Wörtlich aus dem ip-clause-review Skill

    „Edit at the smallest possible granularity. A redline is a negotiation artifact, not a rewrite. Wholesale clause replacement signals 'we threw out your drafting' — it's aggressive, it forces the counterparty to re-read the whole clause, and it discards the parts of their drafting that were fine. Surgical redlines — strike a word, insert a phrase, restructure a subclause — signal 'we have specific asks' and are faster to read, understand, and accept."

  8. Automatische Fristüberwachung, die nur meldet. Der ip-renewal-watcher prüft wöchentlich das Portfolio und meldet anstehende Fristen. Er zahlt nicht, verlängert nicht und kontaktiert keine Mandanten. Wenn nichts ansteht, postet er ein „alles in Ordnung", damit das Team sieht, dass die Überwachung läuft.
    Wörtlich aus dem ip-renewal-watcher Agent

    „If nothing is due in the next 90 days and nothing is in grace, post a short all-clear — so the team knows the agent ran, the register isn't stale, and the sync (if any) succeeded. Silent passes look identical to a broken cron job."

Konkretes Beispiel: fto-triage als Walkthrough

Der FTO-Skill zieht die Grenze zwischen Sichtung (strukturierte Erstprüfung) und Gutachten (Anspruchsauslegung, Akteneinsicht, Validitätsbewertung). Er erstellt Claim-Charts (Gegenüberstellungen von Patentansprüchen und Produktmerkmalen), Merkmal für Merkmal. Die Äquivalenzlehre wird separat markiert; mittelbare Verletzung wird als Anwaltsarbeit gekennzeichnet.

Ein übersehenes Risiko lässt sich nicht rückgängig machen (das Produkt ist am Markt), ein zu vorsichtig gemeldetes Risiko lässt sich korrigieren. Der Skill kalibriert entsprechend asymmetrisch. Diese Logik wurde in den FTO-Prompt der App übernommen.

Wörtlich aus dem fto-triage Skill

„Under-flagging a blocking patent is a one-way door — a product launched, a deposition a year later, treble damages on the table. Over-flagging is a two-way door — the attorney narrows the list in a read-through. Stay on the two-way door side. Always."

„This is not a freedom-to-operate opinion. A formal FTO opinion requires a comprehensive search, full claim construction, and element-by-element infringement analysis by registered patent counsel. Patent infringement is strict liability; willful infringement triples damages. A 'no obvious blocking patents' result means the triage didn't find one — it does not mean the product is clear."

Was sich nicht übertragen lässt

Die Plugin-eigene CLAUDE.md warnt EU-Nutzer ausdrücklich:

„Applying US doctrine here would give you a wrong answer that looks right."
  • Takedown-Verfahren: Der takedown-Skill basiert auf dem US-Verfahren (DMCA §512). In der EU gilt das DSA Art. 16 Meldeverfahren mit eigener Logik. Der Skill wäre komplett neu zu schreiben.
  • Markenverwechslung: Der clearance-Skill arbeitet mit US-Prüfungsfaktoren (Polaroid/DuPont). Für DE/EP gelten andere Maßstäbe: § 14 MarkenG / Art. 9 UMV nach der Wechselwirkungslehre des EuGH (Canon, Sabel, Lloyd).
  • Vertraulichkeitsvermerk: Das Plugin setzt einen US-Schutzvermerk auf jedes Dokument („PRIVILEGED — ATTORNEY WORK PRODUCT"). Diese Schutzformel existiert in der DE/EP-Praxis nicht. Die Plugin-CLAUDE.md empfiehlt EU-Nutzern stattdessen CONFIDENTIAL — INTERNAL LEGAL ANALYSIS — NOT A SUBSTITUTE FOR EXTERNAL COUNSEL ADVICE.
  • Patentierbarkeit und Neuheit: Der invention-intake-Skill prüft nach US-Recht (Alice-Test, einjährige Schonfrist für eigene Vorveröffentlichungen). Im EPÜ gelten andere Maßstäbe: der COMVIK-Ansatz (Art. 52 EPÜ, technische Wirkung) und der fast absolute Neuheitsbegriff (Art. 54 EPÜ, keine vergleichbare Schonfrist).
  • Wissentliche Verletzung (Willfulness): Der FTO-Skill warnt vor dreifachem Schadensersatz bei wissentlicher Patentverletzung. Für DE/EP irrelevant; hier gilt Schadensersatz nach Wahl der Berechnungsart (§ 139 PatG).

Vertraulichkeit: Tool-Lokalität reicht nicht

Das Plugin läuft unter Claude in der Anthropic-Cloud. Das Modell sieht jede Eingabe. Dass die Plugin-Datei lokal installiert ist, ändert daran nichts (dieselbe Beobachtung wie im MCP-Beitrag). Für echte Mandantendaten braucht es entweder eine Cloud-Instanz, die den einschlägigen berufsrechtlichen Anforderungen genügt, oder ein lokal laufendes Sprachmodell als Backend.*

Bedeutung für die Patentpraxis

Die acht Designmuster oben sind der übertragbare Kern. Wer sie übernimmt, hat den aufwendigeren Teil erledigt; das Einpflegen der juristischen Inhalte für DE/EP kostet Zeit, wirft aber keine Architekturfragen auf.

Was das Plugin bewusst nicht tut: Anspruchsformulierung (Claim Drafting). Diese Lücke decken die Prompt-Tools dieser App ab: Claim Brainstorming, Patentbeschreibungs-Generator, Bescheidserwiderung, Einspruchsanalyse, Schutzbereichsanalyse. Plugin und Prompt-Bibliothek ergänzen sich.

Quellen

  1. Anthropic, claude-for-legal/ip-legal (Commit 4d55f53, Mai 2026)
  2. Plugin-eigene CLAUDE.md mit Disziplinregeln und EU-Caveat
  3. Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), insb. Art. 16 Meldeverfahren
  4. Cross-Reference: MCP · KI-Modelle an Patentdaten anbinden
  5. Cross-Reference: Belegpflicht bei KI-Antworten
  6. Cross-Reference: Prompt Engineering für lokale LLMs

* Für die Verarbeitung vertraulicher Inhalte gelten u.a. die berufsrechtlichen Verschwiegenheitsanforderungen. Diese können durch ein lokal laufendes Modell oder, im Einzelfall, durch eine vertrauenswürdige oder selbst betriebene Cloud-Instanz erfüllt werden. Dies ist keine Rechtsberatung.

Inhalte teilweise KI-generiert, kuratiert von Sebastian Goebel. Dies ist keine Rechtsberatung, sondern Trainingsmaterial für meine Workshops. Keine Gewährleistung für Richtigkeit oder Vollständigkeit. Keine Haftung. Software wird ohne Mängelgewähr bereitgestellt.